No Drama Lama

Ihr möchtet einen Charakter erstellen? Background Story dafür aufbereiten und benötigt Hilfe oder Unterstützung? Oder habt ihr Fragen zu einer bestimmten Lore für euren Charakter oder eurer Geschichte?
Möchtet ihr sogar eine Welt selbst erschaffen?
Gemeinsam findet sich beinahe immer eine Lösung.
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Eoddren
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No Drama Lama

Beitrag von Eoddren »

Nun ist er da, der Moment, dass man einen Charakter „erschaffen“ möchte, mit allem was dazu gehört. Name, Herkunft, Alter und vor allem der Backgroundstory.
Es ist ja nunmal irgendwie selten, dass man Säuglinge als RP Charaktere erschafft und diese tatsächlich parallel mit sich selbst erwachsen werden. Man möchte mit diesem Charakter sich vielleicht einer bestehenden Gruppe anschließen, in ein bestehendes Gefüge einbinden oder auch seine eigene Geschichte anfangen zu verfassen. So oder so, man braucht eine Geschichte und Ideen wie der Charakter war / ist und vielleicht auch werden soll.

Wirkliche Grundregeln gibt es hierbei nicht. Auf was man Lust hat, das „baut“ man sich. Das kann sein der alte, weise Mann, Advokat oder Bibliothekar, der eigentlich auf der Suche nach neuem Wissen ist und dadurch in ein Abenteuer stolpert. Oder aber auch der junge, übereifrige Krieger, der sich seine Sporen verdienen möchte. Zwischen all diesen Stereotypen ist jede Menge Platz für all mögliche Ideen.

Grundsatzfrage: Warum macht sich mein Charakter auf den Weg? Warum ist er dort, wo er ist?

Das ist der Moment, wo bereits die Hintergrundgeschichte und das Wesen des Charakters zum Tragen kommt. Ein Stubenhocker, dem die Welt draußen egal ist, wird sich kaum plötzlich auf den Weg machen. Und wenn doch, dann braucht er einen drastischen Grund. Verlust der Familie, Verlust der Heimat, göttliche Eingebung, Entdeckung eines Artefakts, nötige Erfahrung für die Ausbildung, einschneidendes negatives oder positives Erlebnis usw.

Nehmen wir als Beispiel Siegfried aus der Nibelungensaga. Ein Findelsohn, aufgewachsen bei einem Schmied. Ein „normales“, bürgerliches Leben also. Er bewundert seid jeher die Soldaten und Ritter auf deren Abenteuern, möchte so sein wie sie. Eines Tages geht ein Meteor nieder, der von Siegfrieds Neugierde gefunden und mitgenommen wird. Er schmiedet ein Schwert daraus. Ein Meisterstück. Dessen „Kraft“ sehr schnell zur Verwendung kommt, schneller als ihm lieb ist und ihm dadurch den Weg bereitet selbst Abenteuer am Hofe des Königs zu erleben.
(sehr grob, gekürzte Fassung ;) )

Wir haben also einen bürgerlichen Sohn, dessen wahre Herkunft ein wenig unbekannt ist und das einschneidende Erlebnis, dass es ihm ermöglicht sich plötzlich auf die Reise zu machen. Hintergrundgeschichte fertig.
Die neugierige Art und der Wunsch sich den Rittern anzuschließen, gibt bereits einen Hinweis auf seinen Charakter und auch sein Alter. Jemand der älter ist, verheiratet ist, sich ein Leben aufgebaut hat, braucht schon drastischere Gründe, warum er plötzlich alles Stehen und Liegen lässt.

Der dramaturgische Klassiker: Überfall von Stereotype Bösewicht (Orks, schwarze Ritter, verfeindetes Königreich, etc.) und Ermordung der Sippschaft ... *gähn*
Natürlich ist es legitim, aber sind wir uns mal ehrlich, wenn ich mir die ganzen Rollenspieler Charaktere ansehe, die jene Basis haben, dürfte es gar keine Feinde mehr geben und schon gar keine bewohnten Dörfer mehr. Die Welt wäre voll von ausradierten Dörfern und überlebenden Rächern. Abgesehen von der Tatsache, dass plötzlich die normalsten Bürgerkinder, enorm talentiert darin sind mit der Waffe umzugehen.

Wer sich an dieser Stelle auf den Schlips getreten fühlt, tut mir leid, dies ist jedoch meine Meinung dazu. Ein bisschen mehr Hintergrund und Tiefgang darf es dann schon haben. Aber ich spiele durchaus auch mit derartigen Charakteren zusammen, so ist es dann auch wieder nicht.

Gut, nun also haben wir eine Hintergrundgeschichte.
Kommen wir zum „Alltag“. Allzeit beliebt sind Ereignisse der Charaktere, die ich persönlich immer in die Schublade „Drama Lama“ stecke. Vor allem, wenn es keinen Spielleiter gibt, der einen den roten Faden präsentiert, wie es oft bei Online-Rollenspielen der Fall ist.

Was wäre so ein „Drama-Lama“ Fall?

Die naive, junge Schankmaid ist am Weg nach Hause, nichtsahnend und wird von dem bösartigen, hinterhältigen Dorfschuft überfallen, verwundet und womöglich auch noch körperlich vergewaltigt. (Drastisch ich weiß, aber leider zu oft nebenstehend miterlebt)
Ein Überfall ist durchaus legitim, bringt Bewegung in die Sache. ABER .. so etwas lässt auch alle möglichen „Helden“ aufspringen und nach Rache dürsten. Immerhin handelt es sich um ihre Lieblingsschankmaid. Sie wird verletzt - idealerweise mit einem Messerstich an „unkritischen“ Stellen - Bauchbereich zum Beispiel. Nun ... das kann unkritisch sein, im Regelfall aber eher ein ziemlich elendiger und qualvoller Tod, weil innerliche Verblutungen eher die Norm, als die Ausnahme darstellen. Aber halt ... das Opfer geht ja zu einem Heiler, die es neben den „Helden“ auch wie Sand am Meer gibt und fast schon auf magische Art und Weise tiefliegende Wunden verbinden und damit heilen. (Unsere heutigen Mediziner sollen sich also nicht so anstellen) Nach einer zweitägigen Pause im Ruhebett, springt besagter Charakter wieder quietsch fidel in der Schank umher und prahlt mit der Verletzung, die super heilt. :/

Ich glaube meine persönliche Ansicht über derartige Ereignisse ist aus dem von Sarkasmus triefenden Absatz herauszulesen. Was will ich damit sagen. Helden, Heiler und Opfer muss es geben. Ganz klar. Es ist auch legitim, wenn sich mehrere dazu berufen fühlen. Aber bitte bleibt am Teppich. Niemand - absolut niemand - verarbeitet einen Bauchstich mit einem Verband innerhalb von 2 Tagen. Nicht einmal Siegfried, der Drachentöter.

Wenn also schon Alltags Drama, dann bitte mit Verstand. Und nicht immer muss es einen Bösewicht geben. Es kann auch wesentlich „einfachere“ Dinge geben, die das RP in ganz interessante Richtungen bewegt. Nehmen wir also die Schankmaid weiterhin als Beispiel. Vielleicht läuft das Geschäft gerade nicht mehr so gut, weil unweit eine weitere Schank aufgemacht hat oder weil der alte Schankwirt seine eigenen Alkoholvorräte lieber selbst dezimiert, statt auszuschenken. Die Maid verliert bald ihre Arbeit, benötigt die Anstellung aber, weil die Familie auf das Geld angewiesen ist. Was also tun? Marketing? Social Media ist nicht zwingend Maß der Dinge. Nebenverdienst? Neue Anstellung? Vielleicht hört ein etwas dubioserer Händler diese Geschichte und bietet ein Geschäft an. Waren vorläufig zu lagern, er holt sie dann wieder ab. Dafür gibt es reichlich an Gold. Mhm... „unspannend“? Mit Nichten. Die Stadtwache lauert, weiß aber nichts. Die Waren kommen und gehen, das Geld fließt und das ganz ohne Besucher der Schank?

Und schon ist für reichlich Gesprächsstoff im „Alltag“ gesorgt. Es wird gerätselt, gemurmelt ... es gibt Gerüchte, aber nichts handfestes und dann ist da noch die Sache der Moral. Fällt die Schankmaid irgendwann um, weil sie mitbekommt, dass es illegale Geschäfte sind? Oder stellt sie die Notwendigkeit der Bezahlung über die eigene Moral?

Es muss also nicht immer das große „Drama“ sein, um spannende Ereignisse im RP zu gestalten. Manchmal bedarf es auch einer „Kleinigkeit“, die so gar nicht in das „Held-Opfer-Bösewicht“ Trio passt.
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